«Wir dürfen die Kadetten nicht unterschätzen»

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Autor
Tobias Erlemann

Rückraum-Star Christian Dissinger kennt man noch gut in Schaffhausen. Aktuell ist der 24-Jährige jedoch verletzt, den Match seiner Kieler gegen die Kadetten kann er aber trotz Blessur sehr gut analysieren.

Olympiavorrunde: Rückraumspieler Christian Dissinger (r.) ganz in seinem Element. Der 24-jährige Nationalspieler springt kraftvoll ab und hämmert den Ball Richtung gegnerisches Tor. Da kann der Spanier Jorge Maqueda nichts ausrichten. Bild Key
THW Kiel - Kadetten Schaffhausen, Samstag 22. Oktober ab 17.30 Uhr im Liveticker auf shn.ch

Für zwei Saisons (2011–2013) spielte Christian Dissinger bei den Kadetten. Die Zeit in Schaffhausen war für den Rückraumspieler auch von Verletzungen geprägt, gleich zweimal riss dem Nationalspieler das Kreuzband. Seit Sommer 2015 spielt der 24-Jährige nun beim THW Kiel, dem deutschen Rekordmeister.

Zuletzt feierte Dissinger grosse Erfolge, so gewann er im Januar dieses Jahres mit der deutschen Nationalmannschaft den EM-Titel. Und im Sommer reiste er mit der Landesauswahl nach Rio zu Olympia. Doch auch dort schlug das Verletzungspech wieder zu, Dissinger erlitt ein Kompartmentsyndrom, also einen die Durchblutung behindernden schweren Bluterguss. Direkt in Brasilien musste der 2,02-Meter-Hüne operiert werden. Und noch immer laboriert er an dieser Verletzung, das Spiel gegen die Kadetten am Samstag (17.30 Uhr) muss Dissinger von der Tribüne aus verfolgen.

Christian Dissinger, wie verläuft die Reha? Wann sind Sie wieder fit?

Schwierig zu sagen, wir haben einfach zu wenig Erfahrung mit solch einer Verletzung. Noch kann ich nicht wirklich abschätzen, wann ich wieder fit bin.

Wie sehr belastet Sie diese Ungewissheit?

Es ist schon ein merkwürdiger Zustand. Aber es geht langsam aufwärts, es gibt Hoffnung, dass ich vielleicht noch dieses Jahr wieder spielen kann. Ich setze aber mit Absicht keinen genauen Zeitpunkt fest. Das würde nur für zusätzlichen Druck sorgen.

Mit Verletzungen kennen Sie sich ja mittlerweile aus. Zu Schaffhauser Zeiten riss Ihnen zweimal das Kreuzband. Nehmen Sie die neuerliche Verletzung deshalb lockerer hin?

Verletzungen dürfen niemals Normalität sein, das wäre grotesk und gefährlich. Als Spieler muss es dich ärgern, wenn du nicht mitspielen kannst. Das gibt dir auch Kraft für die Reha. Aber klar, ich bin vielleicht ein wenig entspannter, da ich solche Pausen nun kenne. Man zerbricht sich nicht permanent den Kopf über die Zukunft, sondern konzentriert sich voll auf die Arbeit mit den Ärzten und Physiotherapeuten, um schnell wieder fit zu werden.

Das Spiel gegen die Kadetten müssen Sie dementsprechend von der Tribüne aus verfolgen. Was für ein Typ Zuschauer sind Sie?

Eigentlich recht entspannt, ich vertrauen den Jungs auf dem Feld voll und ganz, dass sie ihre Sache gut machen. Wenn es aber mal eng wird, dann lasse ich mich gerne auch von der Stimmung und Nervosität mitreissen. Emotionen machen den Spass am Handball doch erst aus.

Wie wird es morgen? Rein von der Papierform her dürften Sie einen ruhigen Abend auf der Tribüne erleben.

(lacht) Ich hoffe, dass ich mich entspannen kann.

Der THW Kiel ist natürlich der Topfavorit. Können die Kadetten die Punkte schon vor dem Spiel übergeben?

Genau solch eine Einstellung ist gefährlich. Wir spielen in der Champions League, da dürfen wir keine Mannschaft unterschätzen. Und auch wir haben ab und an Spiele dabei, bei denen wir eine kleine Wundertüte sind. Und das nicht immer im positiven Sinne.

In der Liga gab es zuletzt einen ganz knappen Sieg über Hannover. Und auch in der Champions League tut sich der THW nicht leicht, so gab es gegen Bjerringbro-Silkeborg nur einen knappen 28:25-Sieg. Und die Dänen sind vergleichbar mit den Kadetten, oder?

Solche Spiele sind eine Sache der Konzentration. Wir dürfen nicht nur in den Topspielen in der Bundesliga oder gegen Teams wie Barcelona und Paris zu 100 Prozent fit sein. Wir müssen gegen jeden Gegner Vollgas geben. Wir spielen in dieser Teamkonstellation aber auch noch nicht so lange zusammen. Die Mannschaft muss noch zusammenwachsen.

Aus alter Verbundenheit: Wie kann man denn den THW Kiel ärgern?

(lacht) Da spreche ich besser nicht drüber.

Es bleibt ja unter uns. Hat Kiel denn überhaupt Schwächen?

Die Kadetten werden unsere letzten Spiele sicher analysiert haben. Wenn der Gegner das Tempo drosselt und lange Angriffe fährt, dann haben wir Probleme. Wenn dann noch die Defensive stabil steht und der gegnerische Torwart einen Toptag erwischt, dann bekommen auch wir Probleme. Aber ich gehe davon aus, dass wir morgen gleich von Beginn weg zeigen, wer der Herr im Haus ist.

Das «Haus» wird dann wieder ausverkauft sein mit 10 000 Zuschauern?

In Kiel wird der Handball einfach gelebt, hier ist immer Stimmung und die Arena voll, wenn wir spielen. Ich liebe diese Begeisterung.

Sie spielen nun in einem europäischen Spitzenteam. Gibt es aber vielleicht doch etwas, was Sie von Schaffhausen vermissen?

Mir fehlt hier ein wenig die Anonymität. In der Schweiz wurde ich nicht erkannt. Hier in Kiel kann ich nicht einfach so in die Stadt, da werde ich permanent angesprochen. Aber das ist natürlich auch ein Zeichen, dass man gewisse Erfolge hatte, sonst würde dich ja keiner kennen. Allgemein sind Kiel und Schaffhausen aber schwer zu vergleichen. Ich hatte eine schöne Zeit in der Schweiz, die werde ich nie vergessen.

Haben Sie noch Kontakt nach Schaffhausen?

Nur noch ganz wenig. Es sind auch nicht mehr viele Akteure da, mit denen ich noch zusammenspielte. Den Weg der Kadetten verfolge ich aber weiterhin sehr intensiv. Ich interessiere mich dafür, wie sie gespielt haben, und freue mich auch über Siege und Titel.

Im Januar wurden Sie noch Europameister mit Deutschland. Im Sommer fuhren Sie zu Olympia, wo Sie sich verletzten. Studiert man Ihre Vita, könnte man glatt vergessen, dass Sie erst 24 Jahre alt sind.

(lacht) Danke, ich fühle mich auch noch jung.

Sind Sie deshalb trotz schweren Verletzungen so entspannt, weil Sie wissen, dass Sie noch viele gute Jahre vor sich haben?

Am liebsten wäre es mir natürlich, nie verletzt zu sein. Aber ich kann es ja nicht ändern. Ich weiss, dass ich eigentlich noch am Anfang meiner Karriere stehe, deshalb zerbreche ich mir nicht den Kopf, sondern schufte hart für mein Comeback.

Anfang Februar 2017 kommt es dann zum Rückspiel in Schaffhausen. Sehen wir dann Christian Dissinger wieder auf dem Feld?

Davon gehe ich doch schwer aus, bis dahin werde ich sicher wieder fit sein. Ich freue mich schon auf die Rückkehr nach Schaffhausen, das wird ein ganz spezielles Spiel für mich.

Zahlen und Fakten zu Christian Dissinger

Geburtstag 15. November 1991

Geburtsort Ludwigshafen/D

Grösse: 2,02 m

Wurfhand Rechts

Position Rückraum links

Bisherige Vereine TSG Friesenheim (Junioren und Aktive, 2008–2011), Kadetten Schaffhausen (2011–2013), Atletico Madrid (ohne Spiele, da Verein insolvent), TuS N-Lübbecke (April 2014–2015), THW Kiel (seit Sommer 2015)

Länderspiele 19 (42 Tore)

Erfolge Europameister 2016, Olympiateilnehmer 2016, Juniorenweltmeister 2011, Schweizer Meister (2012), Supercupsieger mit Schaffhausen (2011 und 2012) und mit Kiel (2015)

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