Der Unvollendete auf dem Weg zurück

Der Unvollendete auf dem Weg zurück

Publiziert am
Autor
Schaffhauser N…

Vor sieben Monaten hat sich Marthalen-Stürmer Pascal Rapold das Kreuzband ge­rissen. Nach einer intensiver Therapie und einer wegweisenden Entscheidung schaut der 22-Jährige zuversichtlich in die Zukunft.

Hat nach seinem Kreuzbandriss wieder gut lachen: Marthalen-Stürmer Pascal Rapold greift bald wieder voll an. Bild: Manuel Iseli

von Manuel Iseli

Sein Blick richtet sich auf den Mittelkreis des Hauptplatzes der Wyland-Arena in Marthalen. Zögernd erhebt sich Pascal Rapold an diesem trüben Frühlingsmorgen vom Beton der Zuschauertribüne. Er schreitet wenige Meter vor – an die Stelle, wo er am 27. September 2016 den grössten Knick seines bisherigen Fussballer­daseins erlebte. «Ich sehe die Szene vor Augen, als wäre es erst gestern gewesen.» Im Heimspiel gegen Ligakon­kurrent FC Rafzerfeld war es passiert. Minuten vorher noch als umjubelter Torschütze gefeiert, möchte Rapold, den Rücken zum gegnerischen Tor gerichtet, im Sprung ein hohes Zuspiel kon­trollieren. Auf Hüfthöhe kommt es zu einer Berührung mit dem Gegenspieler. Sein linkes Knie knickt wie ein Klappmesser aus und wieder ein. Unmittelbar danach verspürt Rapold grosse Schmerzen, kann aber paradoxerweise wenige Minuten später wieder gehen. Ohne Befürchtungen fährt Rapold wie nach jedem anderen Spiel mit seinem Auto nach Hause.

Niederschmetternde Diagnose

Am nächsten Morgen dann der Schock. Alle Versuche, das Bein irgendwie zu bewegen, scheitern. Sofort meldet sich Rapold bei der Arbeit ab. Angekommen im Spital, erst mal die grosse Erleichterung. «Es ist wohl nichts gerissen», erinnert sich Rapold an die Worte des Arztes zurück. Erst nach einer MRI-Untersuchung steht dann die Diagnose fest: Kreuzband-, Innenband- und Aussenbandriss, dazu der Meniskus beschädigt – das komplette Knie ruiniert. Wegen der stark ausgeprägten Grundmuskulatur der Beine habe am Anfang nichts darauf hingedeutet.

Plötzlich artikuliert er mit einer ­ruhigeren Stimme, als er vom ersten Gespräch mit seinem Arzt erzählt. «Er sagte mir, dass sechs bis neun Monate lang sportliche Aktivitäten kein Thema seien», sagt Rapold. Seit er im Alter von vier Jahren das erste Mal auf einem Fussballplatz stand, blieb er von grösseren Verletzungen verschont. Rapold ist ein aktiver Mensch, der sein Hobby mit viel Leidenschaft ausübt. Er mag das körperbetonte Spiel, schnell ausgetragene Spielzüge, mit grossem Willen geführte Zweikämpfe. Auch in seinem Beruf als Lastwagenmechaniker war er täglich hoher körperlicher Belastung ausgesetzt. Auf all das musste er fortan verzichten. Es sei am Anfang eine grosse Leere gewesen, gesteht er.

Mit Krücken und Stabilisationsbandage brachte Rapold in den ersten drei Monaten nach dem Unfall kein Bein vors andere. Gezwungenermassen war er während dieser Zeit an sein Bett gefesselt. «Schnell dominierte die grosse Langeweile. Sogar von der Spielkonsole hatte ich inzwischen genug», beschreibt er die Wochen, in denen er nichts mehr mit seiner Zeit anzufangen wusste.

Der Wille, seiner Leidenschaft aber nochmals eine Chance zu geben, trieb ihn an. Er sagte sich, dass er endgültig aufhören würde, wenn er sich an derselben Stelle erneut verletzen würde. So nahm er sein Wiederaufbauprogramm in Angriff. Er sei nie der fleissigste Spieler gewesen. In jener Phase habe er jedoch gespürt, dass das «normale Programm» nicht ausreichen würde. So schaffte er sich für den Garten eine Koordinationsleiter an, um die Grundübungen zu Hause ausführen zu können. Mit kleinem Pensum nahm er unterdessen auch seine «Büez» als Mechaniker wieder auf.

Den Zenit noch nicht erreicht

Vor Wochenfrist stand Rapold erstmals wieder auf dem Fussballplatz, notabene samt Ball am Fuss. Er sorgte sich, dass er das Ballgefühl verloren haben könnte. Im Moment beschränkt er sich aber hauptsächlich auf den Aufbau seiner Physis. Nach dem Abschlusstest mit dem Sportarzt hat er aus medizinischer Sicht das Go erhalten, wieder mitzumischen. Rapold möchte sich jedoch Zeit lassen und mit Ernstkämpfen bis zum Beginn der nächsten Saison abwarten. Trotzdem unterstütze er sein Team, so gut es gehe. «Ich bin an jedem Spiel dabei.»

Seine Mannschaft steht momentan mit sechs Punkten Abstand zur Spitze auf dem vierten Tabellenrang. Durchaus möglich, dass Rapold sein Comeback eine Liga höher geben wird. In welcher Spielklasse er nächste Saison auflaufen werde, spiele für ihn keine Rolle. Von etwas ist Rapold überzeugt. Seine nahe Zukunft liegt bei Marthalen. Mit der rechten Hand klopft er auf die Garderobentür der 1. Mannschaft und sagt: «Lieber würde ich eines Tages mit meinem Heimatverein in der 2. Liga spielen als mit einem auswärtigen Team in der 1. Liga.»

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren