Gänsehaut bei der Hexenjagd

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Autor
Maria Gerhard

Ab September wird in der Halle 1 auf dem SIG-Areal in Neuhausen das Musical «Anna Göldi» aufgeführt. Am Wochenende wurden die Laiendarsteller gecastet. Die SN waren dabei.

Video: Selwyn Hoffmann

Ihre Körper wiegen sich hektisch hin und her, ihre Hände greifen immer wieder gierig ins Nichts. Sie wollen damit packen, reissen und zerren. Ihr Opfer kann nicht weit sein. «Es gibt keine Schonfrist, wenn sie ein Hexe ist», dröhnt es zu düsterer Musik aus dem Lautsprecher. «Und jetzt nach unten», ruft Choreografin Sabine Lindlar. Die Frauen und Männer beugen die Knie, lassen ihre Oberkörper schwer nach vorn sacken. Der Anblick erinnert an eine Welle, bedrohlich in ihrer Masse. «Ihr macht das gut», sagt Lindlar. Als Gruppe würden die Komparsen schon einmal prima funktionieren. Noch ist nicht entschieden, ob sie auch alle im September bei «Anna Göldi – das Musical» in der Halle 1 auf dem SIG-Areal in Neuhausen auf der Bühne stehen dürfen.

Tanzen und Singen

Nach dem dritten Tanzdurchgang zieht einer der Bewerber den Pullover aus, ein anderer fächelt sich mit der flachen Hand Luft zu. Ganz schön anstrengend, so eine Hexenjagd. Neun Frauen und Männer hatten sich am Samstagnachmittag in einem der Bürogebäude auf dem SIG-Areal in Neuhausen eingefunden, um beim Chor- und Komparsen-Casting vorzusprechen. Am Sonntag kamen noch weitere Bewerber. Neben dem Tanzen ging es vor allem auch darum, sein Singvermögen unter Beweis zu stellen. Und so musste noch vor der Choreografieprobe jeder einzeln vor die Jury treten. Diese bestand aus dem Regisseur Mirco Vogelsang, dem Komponisten Moritz Schneider sowie der Choreografin. Am ­E-Piano begleitet wurden die Bewerber von Musiker Ken Mallore.

Am Casting trotz Erkältung

Gleich die erste Bewerberin, Anne-Marie Ploss aus Schaffhausen, hatte ungünstige Voraussetzungen – sie war stark verschnupft. Ihr Vortrag von «Locus iste a deo factus est» von Anton Bruckner hörte sich dementsprechend etwas brüchig an. «Du bist so krank, dass man gar nichts hören kann», sagte Vogelsang nach den ersten paar Minuten, «das tut mir so leid für dich, ich möchte dich jetzt auch nicht überanstrengen.» Er hatte sie zuvor noch mit einer festen Umarmung begrüsst. Er kennt sie bereits aus seiner Inszenierung der «Schwarzen Brüder» in Schaffhausen, Ploss hatte damals als Komparsin mitgewirkt. «Ich wollte unbedingt herkommen», erwiderte sie. Vogelsang machte ihr letztlich einen Vorschlag: «Wir lassen das mit dir jetzt offen, und du schickst uns, wenn du gesund bist, eine Audionummer.» Zur späteren Choreografieprobe blieb Ploss trotzdem.

Da neben der Chorbesetzung auch Sprechrollen vergeben werden, trug Doris Vrontakis, die bei den Active ­Voices Schaffhausen singt, ein Gedicht vor: «Im Nebel» von Hermann Hesse. Die Lesebrille fest in der rechten Hand, mit dem linken Bein etwas nervös hin- und herschlenkernd, rezitierte sie in die Stille hinein: «Seltsam, im Nebel zu wandern …» Vogelsang hörte ihr aufmerksam zu, um dann nach den letzten Worten, von seinem Sitz aufzuspringen und auf sie zuzugehen. «Ich möchte jetzt, dass du mir das Gedicht so vorträgst, als wären es deine eigenen Gedanken. Es geht darum, dass man den Text für sich spricht.» Vrontakis setzte erneut an, die Stimme kam nun mehr aus ihrem Inneren, die Worte hatten plötzlich Tiefe: «Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein ...»

Junges Gesangstalent

Nervosität begleitet alle Bewerber. «Das gehört dazu», sagt Vogelsang. Auch die jüngste Bewerberin, die 18-jährige Martina Neidhart aus Ramsen, bekommt ganz rote Bäckchen, als sie «Lass jetzt los» aus Disneys «Die Eiskönigin» vorsingt. Es ist aber auch ihr erstes Casting. Gesangsunterricht hatte sie bisher noch keinen, ihrer Stimme fehlt noch die Übung. Trotzdem konnte sie mit ihrer Darbietung zufrieden sein, Vogelsang sagte später: «Ich glaube, du hast Talent.» Ob sie auch im Musical über den Markt flanieren oder bei der Ernte-Szene mitspielen darf, wird sich in ein paar Tagen zeigen. Die 18-Jährige nimmt es gelassen: «Es war auch so schon eine tolle Erfahrung.»

Jury zeigt sich begeistert

Bei der Hexenjagd-Probe legten Neidhart und die anderen Bewerber sich noch einmal kräftig ins Zeug. Die Musik, die Bewegungen – auch wenn die Laien weder Kostüme trugen noch dramatisch geschminkt waren, spürte man doch, wie Gänsehaut den Rücken hochkroch. Am Ende der Choreografieprobe konnte auch die Jury, die sich bis dahin – ganz die Profis – zurückgehalten hatte, nicht anders und klatschte kräftig in die Hände. «Ich bin begeistert», sagte Vogelsang. Es sei ein schöner Tag gewesen. Und unter dem Gelächter der Bewerber fügte er abschliessend gut gelaunt noch hinzu: «Don’t call us, we call you!»

 

Anna Göldi als Heldin: Regisseur Mirco Vogelsang will alles andere als ein Märchen erzählen

Nein, amüsant wird «Anna Göldi – das Musical» nicht, das schickt Mirco Vogelsang gleich vorweg. Ein Märchen will er auch nicht erzählen. Und für kleine Kinder sei die Thematik wohl etwas zu ernst. Dafür sollen aber Schüler mit dem «Bildungsstoff» angelockt werden. Denn dem Regisseur, der bereits 2007 «Die schwarzen Brüder» in der Schaffhauser Stahlgiesserei inszeniert hatte, geht es vor allem darum, zu schildern, was in Glarus im Juni 1782 wirklich geschah. Sprich: Die Fakten zählen, und die sollen in diesem Musical kriminalistisch und psychologisch aufgearbeitet werden. «Ich möchte in die Tiefe gehen», sagt er, «die Zuschauer sollen zwischen den Zeilen lesen können.»

Vogelsang ist sich natürlich bewusst, dass man bei diesem historischen Stoff der Realität bestenfalls nur nahe kommen kann. Trotzdem hat er nach langer Recherche eine recht klare Vorstellung von der Person der Anna Göldi. «Letztlich sehe ich sie doch als Heldin.» Sie habe den Vater sehr früh verloren und musste sich bereits in jungen Jahren allein durchs Leben schlagen, in einer Zeit, in der einer Frau des niederen Standes weder Lesen noch Schreiben gelehrt wurden. «Sie konnte aber beides», sagt er.

Diese Umstände müssen sie zu einem interessanten Charakter geformt haben. «Ich glaube, sie war stark und selbstbewusst. So möchte ich sie auch interpretieren. Ich glaube, sie war eine Persönlichkeit», sagt Vogelsang. Der Regisseur ist auch für das Libretto, also den Text, verantwortlich. Für die Musik wurd der Komponist Moritz Schneider engagiert. Derzeit ist das Stück noch in Bearbeitung, doch Ende März soll es fertig sein. Das Gesamtkonzept steht hingegen schon lange. Es gründet unter anderem auf der aktuellen Forschung zu Anna Göldi.

«Die Gerichtsverhandlung war ja eigentlich ein Geheimprozess», sagt Vogelsang. Es sei letztlich dem Journalisten Heinrich Ludwig Lehmann zu verdanken, dass er an die breite Öffentlichkeit geriet. So wird auch im Musical die Figur des Lehmann eine tragende Rolle haben. Über ihn sagt Vogelsang: «Ein irrer Charakter.» Er sei ein junger Mann gewesen, der pleite war und dem von Glarus viel Geld geboten wurde, um mit seinen Recherchen den Ruf des Kantons wiederherzustellen. Anfangs vor allem gelockt vom Geld, erwacht in ihm das Bewusstsein journalistischer Ethik, die um die Frage kreist: Was ist tatsächlich passiert? Denn was ihm die einzelnen Beteiligten erzählen, will nicht so recht zusammenpassen. Jenseits der Wünsche seiner Auftrageber versucht er, in dem Wirrsal aus Anschuldigungen, Vermutungen und Beteuerungen die Fakten zu isolieren. Lehmann war es auch, der Kopien von den Akten zu den Folterverhören aus dem Kanton Glarus schmuggelte und im Ausland veröffentlichte. Über diverse Zeitungen verbreitete sich schliesslich die Kunde. Der Schuss ging für den Kanton Glarus somit nach hinten los.

Im Musical werden die letzten zwei Lebensjahre Anna Göldis beleuchtet: von ihrem Antritt als Dienstmagd im Haus des Arztes und Richters Johann Jakob Tschudi in Glarus bis zu ihrem tragischen Ende. Bei ihrer Hinrichtung war Anna Göldi gerade mal 48 Jahre alt. Aus ihrer Geschichte kann man auch heute noch einiges lernen, zum Beispiel über das Frauenbild der damaligen Zeit. Ausserdem wurde aufgrund dieses Prozesses ein ganz neuer Begriff geprägt, der immer noch relevant ist: «Justizmord». Die Besucher werden also einiges zum Nachdenken haben. Daneben verspricht Regisseur Mirco Vogelsang aber vor allem eine dramatische und hochemotionale Kriminal­geschichte.

Zum Inhalt: Stecknadeln in der Milch

Anna Göldi  stammte aus armen Verhältnissen, sie arbeitete als Dienstmagd. Nachweislich gebar sie zwei Kinder. Das erste starb kurz nach der Geburt, und Göldi wurde wegen Kindsmordes verurteilt. Das zweite war von dem Dienstherrn Zwicky in Mollis.

Im Jahr 1780, sie war inzwischen 46 Jahre alt, trat sie ihren Dienst bei dem einflussreichen Arzt und Richter Johann Jakob Tschudi an, der mit seiner Familie in Glarus lebte. Hier soll Göldi dann mehrmals Stecknadeln in die Milch einer Tochter Tschudis gezaubert haben. Ausserdem soll die Tochter mehrfach Nägel gespuckt ­haben. Anna Göldi wurde daraufhinder Hexerei beschuldigt und angeklagt. Im Gerichtsprozess gab Göldi unter Folter zu, die Kräfte des Teufels zu nutzen. Der evangelische Glarner Rat verurteilte Anna Göldi am 13. Juni 1782 zum Tod durch das Schwert. Das Urteil wurde umgehend vollstreckt.

Beitrag Radio Munot

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