Wenn die Wörter wie Funken sprühen

Wenn die Wörter wie Funken sprühen

Publiziert am
Autor
Mark Liebenberg

Nora Gomringer eröffnete das Literaturfestival «Erzählzeit ohne Grenzen» gestern in der Kammgarn mit einer kultigen Lyrikperformance und trendiger Jazzmusik aus Zürich.

Nora Gomringer war der Star eines gelungenen Auftakts der «Erzählzeit ohne Grenzen» gestern Abend in der sehr gut besuchten Kammgarn. Für einmal stand damit die Lyrik im Scheinwerferlicht des Literaturfestivals. Bild: Selwyn Hoffmann

Wie eröffnet man so ein Literaturfestival? Das ist ja immer die Frage. Mit ­Literatur, versteht sich. Aber wie viel davon, in welchem Rahmen, wie kann man ein Publikum auf neun Tage dezentrale Lesungen in 39 Gemeinden mit 39 höchst unterschiedlichen Autoren einstimmen und neugierig darauf machen?

Eine glückliche Hand bewies das Team um Stadtbibliothekar Oliver Thiele und Barbara Tribelhorn von den Bibliotheken gestern Abend in der Schaffhauser Kammgarn: Ein stimmiger, kurzweiliger, frischer und frecher Mix zum Auftakt der Veranstaltung mit der kultigen Poetin Nora Gomringer war’s. Nicht nur dass in der 37-jährigen schweizerisch-deutschen Lyrikerin gewissermassen eine Verkörperung des Grenzüberschreitenden auf der Bühne stand, sondern auch dass ein Abend mal ganz der literarisch wohl dichtesten literarischen Gattung, der Lyrik, gewidmet war, erwies sich als ein gelungenes Experiment.

Im Gegensatz zum Vorjahr, wo das Publikum in der Singener Stadthalle Geisel eines fast dreistündigen Talk- und Lesemarathons wurde, gestaltete sich die «Lesung» mit einem der Jungstars der deutschsprachigen Literaturszene als erfrischend ungezwungenes und alles andere als abgehobenen Literaturfest.

Nicht hier, um zu amüsieren?

Das lag daran, dass die eingeladene Literatin eben nicht nur das Was, sondern vor allem auch das Wie ins Zen-trum ihres Auftritts legte. Mit ande- ren Worten: Der Text ist das eine, der Vortrag das mindestens ebenbürtige andere. Nora Gomringer, Lyrikerin, Rezitatorin und Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015, lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet. Sie ist die Tochter des Begründers der Konkreten Poesie, des Schweizer Dichters Eugen Gomringer. «Als ich sechzehn war, konnte man mich als Texteleserin für Hochzeiten, Beerdigungen und Familienzusammenkünfte buchen», erklärte sie ihren Werdegang. Die Autorin las vor dem in sehr grosser Zahl in die Kammgarn gekommenen Publikum aus verschiedenen Werken vor. In Bälde erscheint der dritte Band ihrer «Trilogie der Oberflächlichkeiten». «Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren» heisst ein weiteres Buch – doch genau das gelang Gomringer mit ihrem Vorlesefeuerwerk hervorragend.

Gomringer hat sich zwar schon vor über zehn Jahren aus der Poetry-Slam-Szene verabschiedet, aber die Erfahrungen in der Spoken-Word-Szene spielen in ihren Lesungen (oder eben genauer: Leseperformances) die zentrale Rolle. Bei den Auszügen aus «Morbus» etwa konnte das Publikum anhand des vorgetragenen Textes das darin beschriebene Krankheitsbild erraten. Von Depressionen über Herpes bis Demenz ist alles dabei. Und abseits von jedem Klamauk gelingt es der Dichterin, in wenigen Zeilen alles zu sagen, auch das Ernste, in atmosphärisch dichter, sparsamer Wortsetzung.

Aber klar überwog das Amüsement in Texten wie «Leon (Feuchtwanger, Anm. d. Verf.) turnt», dem «Herpes-Walzer» (einem «prophylaktischen» Gedicht im Dreivierteltakt) oder zwei ultrawitzigen Monster-Kurzballaden.

Und dann waren es natürlich die lebendigen Geschichten rund um die Gedichte, die die Autorin aufs Köstliche auszuschmücken wusste. «Jetzt habe ich dazwischen ganz viel gequatscht . . . na ja, schliesslich bin ich ja auch an der ‹Erzählzeit›», sagte sie entschuldigend.

Monika Schärer, die Moderatorin vom Schweizer Radio und Fernsehen (unter anderem «Kulturplatz»), führte charmant durch den Abend. Und das Zürcher Jazzduo HELY (Lucca Fries, p, und Jonas Ruther, dr) schuf mit seinen melancholischen Traumwelten einen, nun ja, poetischen Kontrapunkt zur Performance der Lyrikerin, bei dem die Worte Funken schlugen.

«Erzählzeit ohne Grenzen» - 60 Veranstaltungen

Das Festival: Bereits zum achten Mal findet in der schweizerisch-deutschen Grenzregion Schaffhausen-Singen die «Erzählzeit ohne Grenzen» statt. Das jeweils gut eine Woche dauernde Literaturfestival besteht aus Lesungen auf beiden Seiten der Landesgrenze, die zum grossen Teil dezentral stattfinden. Dieses Jahr haben sich 39 Gemeinden dazu bereit erklärt, eine Lesung zu veranstalten. Ebenso viele Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich lesen vom 2. bis 9. April an insgesamt 60 Veranstaltungen aus ihren Werken.

Programm: An diesem Wochenende finden neun Lesungen statt, unter anderem in Singen, Schaffhausen, Osterfingen, Stein am Rhein und Rielasingen (siehe hier). Den Schlusspunkt setzt Franz Hohler in der Stadthalle Singen am Sonntag, 9. April.

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