«Ich glaube nicht, dass wir bald aussterben»

Publiziert am
Autor
Alfred Wüger

Gerade mal 30 Jahre alt ist Andreas Schirrmacher, der neue Präsident der Altherren der zurzeit einzigen aktiven Schaffhauser Kantonsschulverbindung Scaphusia.

Andreas Schirrmacher, der neue Präsident der Altherren der Schaffhauser Kantonsschulverbindung Scaphusia. Bild: Selwyn Hoffmann

Wer ins Vereinslokal der Scaphusia tritt, bekommt unweigerlich das Gefühl, in einer andern Zeitepoche gelandet zu sein. Geschnitzte Holztische, ein Parkettboden, vertäfelte Wände, eine Gemütlichkeit, die heute urtümlich anmutet, aber vor 40 Jahren in etlichen Altstadtlokalen noch ganz selbstverständlich war. Seit 1912 befindet sich das Vereinslokal im «Falken». 2002, als die Scaphusianer eigene sanitäre Anlagen einbauen liessen, sei ein Bleiberecht für weitere 25 Jahre vereinbart worden. Davon sind jetzt allerdings auch schon wieder 15 Jahre verstrichen.

Andreas Schirrmacher, der neue Altherrenpräsident der Scaphusia, nimmt an einem der Tische Platz. Wie es sich denn anfühle, für einen so jungen Mann wie ihn, Altherrenpräsident zu sein. Andreas Schirrmacher lacht. «Ja, Altherr ist tatsächlich eine lustige Bezeichnung für jemanden, der gerade mal die 30 überschritten hat und nun Präsident eines Vereins ist, dessen Mitglieder zwischen 19 und 96 Jahre alt sind.» Und er habe, als er angefragt wurde, das Ansinnen erst gar nicht ernst genommen, sondern abgewinkt. «Aber als ich dann immer wieder, und zwar sowohl von Jungen als auch von Alten, gefragt wurde, ob ich das Amt nicht übernehmen würde, da habe ich es dann einmal zu Hause beim Znacht vorgebracht, um vorzufühlen, ob ich da Unterstützung finde.» Offenbar bekam der junge Familienvater auch zu Hause grünes Licht, denn seit gut fünf Wochen ist er nun im Amt. Es sei eben ein Anliegen innerhalb der Verbindung gewesen, im Vorstand eine Verjüngung zu erreichen. «Und seit sieben Jahren sitze ich schon im Vorstand und bin daher mit praktisch allen operativen Geschäften vertraut.»

Der Sinn der Verbindung Scaphusia sei es, bei den jungen Kantonsschülern durch gemeinsames Erleben von Freizeitaktivitäten einen Freundschaftsbund zu schmieden und das Interesse für Themen zu öffnen, mit denen man sich aus eigenem Antrieb vielleicht nicht beschäftigen würde. «Ich erinnere mich an Theaterbesuche in meiner Fuxenzeit, zum Beispiel an Shakespeares ‹Sommernachtstraum›, da wäre ich ohne die Scaphusia allein doch nie hingegangen.»

Ausserdem zerstreue man sich nach der Matura in alle Winde. Das sei zwar auch bei den Scaphusianern so, aber: «Wir sehen uns jeden Dezember an der Jahresversammlung, und alle 12 bis 15 Wochen treffen sich einige zu einem Abendessen. Mittlerweile sind auch die Ehefrauen und die ersten Kinder dabei. Und das alles möchte ich nicht missen. Aber am Anfang, in der aktiven Zeit als Kantischüler, muss man dafür arbeiten. Man muss Zeit mitbringen.»

Aktuell besteht die Aktivitas aus sechs Fuxen und sechs Burschen. Klingt nicht gerade nach viel, gegenüber einem Bestand an Altherren von doch rund 300 Personen. Schirrmacher: «Zahlenmässig müssen wir sagen, dass Verbindungen ein Auslaufmodell zu sein scheinen. Aber wir haben steigende Mitgliederzahlen. Es wird sich auf einem tiefen Pegel stabilisieren. Früher gab es an der Kantonsschule Schaffhausen drei aktive Verbindungen. Jetzt gibt es nur noch uns. Aber ich glaube nicht, dass wir bald aussterben.» Andreas Schirrmacher will denn auch den Kontakt zur Kantonsschule ausbauen und stärken.

Wer als Schüler in der Scaphusia mitmachen wolle, brauche «ein erhebliches Commitment», sagt Andreas Schirrmacher. «Vor allem ohne entsprechende schulische Leistung geht es nicht. Wenn man in der Schule untergeht, kann man sich vor den Eltern und den Lehrern nicht dafür rechtfertigen, dass man zweimal pro Woche an einen Anlass geht, wo Bier getrunken wird. Die Noten müssen stimmen.» Ausserdem könne nicht mehr davon ausgegangen werden, dass jeder zweite oder dritte Kantilehrer Altherr einer Verbindung sei, sprich: «Die Zeiten, wo der Pauker den Pennäler am Morgen nach dem Stammtisch im Unterricht in Ruhe lässt, sind endgültig vorbei.» Anders gesagt: Wenn es bei den Fuxen und den Burschen kriselt, schreiten die Altherren ein: «Ja, dann sehe ich uns in der Pflicht. Wenn man das Farbenband trägt, stellt man sich aus, und dann muss man auch Leistung bringen können. Wir bitten die Aktiven daher, dass sie uns ihre schulischen Leistungen offenlegen.»

Aber dennoch: Das Bier gehört dazu. «Vorzugsweise Falkenbier», sagt Andreas Schirrmacher lachend. Er war 16, als er in die Scaphusia eintrat. «Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich war damals Präsident der Schülerorganisation an der Kanti und wurde immer wieder gefragt, was das für welche seien, die diese Bändel trügen.» Da habe er sich schlaugemacht. Und für den ersten Kontakt mit der Verbindung habe er zum ersten Mal freiwillig einen Kittel angezogen. «Und ich erlebte einen unglaublich tollen Abend!» Am nächsten Morgen sei er dann – wegen des Bieres – «mit einem dicken Kopf erwacht, aber ich wusste: Das hat mir Spass gemacht.»

Nun freut sich Andreas Schirrmacher auf seine Zeit als Altherrenpräsident. «Der Verein hat ein grosses Potenzial und dadurch auch viele Alphatiere. Die Kunst des Präsidenten besteht darin, eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schlagen. Wo müssen wir authentisch bleiben, und wo müssen wir mit der Zeit gehen?» Das sei eine Gratwanderung, denn viele würden die Tradition mit eigenen emotionalen Erinnerungen verknüpfen.«Das Amt bringt einiges an Arbeit mit sich», sagt Andreas Schirrmacher. Jedes Jahr findet eine Wiederwahl statt, eine Begrenzung der Amtszeiten gibt es nicht. «Darauf, wie lange ich das machen werde, will ich mich heute nicht festlegen.»

Scaphusia: Seit 159 Jahren trinkfeste Geselligkeit

Früher: An der Kantonsschule gab es in den letzten 100 Jahren drei nennenswerte Verbindungen, nämlich den Kantonsschul-Turnverein KTV, die Scaphusia sowie die Verbindung Munot, deren Mitglieder sich verpflichten, bis zum Austritt aus der Kantonsschule abstinent zu leben.

Heute: Neben der Verbindung Scaphusia gibt es gegenwärtig noch die Verbindung der angehenden Kaufleute, Commercia. Diese Verbindung ist ebenfalls noch aktiv und kann nächstes Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiern.

Die Scaphusia: Die Verbindung wurde 1858 gegründet, zählt heute 12 Aktive und rund 300 Altherren. Neuer Altherrenpräsident ist seit 2017 der Rechtsanwalt Andreas Schirrmacher v/o Recte.

Biernamen: Die Biernamen, auch Cerevis oder Vulgo (v/o) genannt, sind in der Scaphusia nach Zürcher Vorbild seit 1861 üblich. Sie sind Symbol dafür, dass der junge Mann mit dem Eintritt ein neuer Mensch wird und für ihn ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

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