Früher ging es meist bis Mitternacht

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Autor
Maria Gerhard

Seit 1962 treffen sich einmal im Monat einstige Wirtinnen aus der Stadt Schaffhausen. Ihre Restaurants gibt es teilweise schon nicht mehr, bei einem Gläschen Wein werden die alten Zeiten aber wieder wach.

Treffen sich einmal im Monat: Margrit Weh, Marlies Tanner, Agnes Tanner, Lore Meister, Marlies Brunner, Heidi Cantoni, Adelheid Wäckerlin, Lilli Lauber, Elsbeth Schmid und Silvia Keller (v. l.). Bild: Maria Gerhard

Für ihr regelmässiges Treffen, stets am ersten Mittwoch im Monat, machen sich die Damen immer schick: Gepflegte Frisur, schickes Kleid, feine Bluse – und auch eine Perlenkette darf natürlich nicht fehlen. Seit 1962 gibt es den Stammtisch der Schaffhauser Wirtinnen, wobei heute auch die eine oder andere ehemalige Geschäftsfrau dabei ist.

Früher noch haben sich die 40 bis 50 Frauen – heute ist die Zahl auf zwölf geschrumpft – immer abwechselnd in ihren Gaststuben besucht. Jetzt dient ihnen der «Kronenhof» als Stammlokal. Vor dem Eingang wurde an diesem heissen Nachmittag eigens für sie eine lange Tafel aufgebaut, zwei Sonnenschirme bieten etwas Schatten vor der Sonne. Nach und nach treffen die Frauen ein. Sie sind alle um die 80 Jahre alt oder ­älter. «Sali, Sylvia», heisst es dann und: «Hoi, Marlies.» Die Gäste an den Nebentischen schauen neugierig herüber.

Einst traf man sich noch abends

Ein Stammtisch für Wirtinnen. Wie kam es dazu? Doch bevor die Damen anfangen zu erzählen, wird erst einmal ein Glas Wein geordert und dann angestossen. Der Gemütlichkeit muss schliesslich Rechnung getragen werden. Wobei nach einem, höchstens zwei Gläsern dann doch auf Orangensaft umgestellt wird. Früher sei das noch anders gewesen. «Wir sind erst heim, wenn schon die Hähne gekräht haben», sagt Margrit Weh.

50 Jahre lang hat Weh das «Sandlöchli» an der Hochstrasse betrieben. Meist war sie allein damit, da ihr Mann bei der Cilag arbeitete. «Das Lokal war immer voll», erinnert sie sich. Da war es schön, gelegentlich die müden Füsse bei einem Glas Wein auszuruhen und sich mit den anderen Wirtinnen auszutauschen. Wenigstens ein Abend im Monat gehörte ganz ihnen. Dann mussten eben die Männer einmal auf die Wirtschaft aufpassen. Manchmal – wenn es schon sehr spät war – kamen die dann auch noch auf einen Umtrunk.

Die Männer – entstanden ist der Wirtinnen-Stammtisch eigentlich ihretwegen. Die Wirte trafen sich auch alle einmal im Monat. «Ausserdem sind wir immer gemeinsam mit dem Wirte-chörli Schaffhausen in Urlaub gefahren», sagt Heidi Cantoni. Die 80-Jährige ist in einer Beiz aufgewachsen, ihre Eltern hatten das «s’ grütli» in der Bahnhofstrasse im Zentrum von Schaffhausen. Da hätten sich die Frauen gedacht: «Was die können, können wir auch!» Cantoni hat daheim zwei schwere Ordner, gefüllt mit papierenen Andenken an die vielen Reisen, die die Frauen zusammen immer im Frühjahr gemacht haben: nach Paris, Salzburg, Nizza, an den Gardasee und in die Toskana. «Für Frauen die immer arbeiten mussten, war das eine glückliche Auszeit», sagt Cantoni. Alte Flyer, Speisekarten und Tickets zeugen davon, vor allem aber auch viele Fotos. Und nur so viel sei diskret an dieser Stelle verraten: Die Damen haben es mitunter ordentlich krachen lassen!

Cantoni hat sich über die Jahre auch immer notiert, wenn eines der Restaurants in Schaffhausen zugemacht hat: Über 100 Namen stehen auf ihrer Liste. «Wobei diese nicht ganz vollständig ist», sagt sie. Zwischendurch habe sie schliesslich auch einmal Kinder bekommen, und da habe sie dann doch an anderes gedacht als an die Liste. Heute hat sie es sich wieder zur Aufgabe gesetzt, sie zu vervollständigen.

Ab 19 Uhr wurde gesungen

Überhaupt, da sind die Damen sich einig, sei es damals sehr viel lebendiger in Schaffhausen zugegangen. «Es gab so viele Restaurants in der Stadt», sagt Lore Meister. Und sie sollte sich tatsächlich auskennen: Sie hat erst das Hotel Bären in der Vorstadt betrieben, dann das Hotel Kreuz an der Mühlenstrasse, dann das «Paradies» am Rhein, später das Hotel Bahnhof in Schlatt und zuletzt das Restaurant Hirschen in Diessenhofen. «Früher hat man seine Gäste noch besser gekannt», sagt sie, «man wusste, an welchem Tag sie gewöhnlich kommen, was sie trinken, ob Kaffee oder einen Wein.» Vom Herrn Doktor bis zum einfachen Arbeiter sei in den Beizen und Restaurants jede Gesellschaftsgruppe vertreten gewesen. Und sei einer mal nicht zur üblichen Stunde erschienen, habe man bei seinen Kollegen nachgefragt: «Ist der krank?» Heimeliger sei es damals auch gewesen: «Ab 19 Uhr wurde meist gesungen.» Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. «Es war einfach eine andere Zeit», sagt Meister.

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