Gedanken ans Aufgeben überwinden

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Autor
Dario Muffler

Wie die Profis konnten sich die Teilnehmer der Tour de Suisse Challenge fühlen. Auf abgesperrter Strecke erklommen die Fahrer gleich drei-mal den «Opfertshofer».

SN-Redaktor Dario Muffler fuhr die Tour de Suisse Challenge. Bild: Daniel F. Koch

Dass einem der Schweiss in die Augen rinnt, kümmert nicht mehr. Die Beine und die Lunge brennen stärker als das Salz in den Augen. Das Knacken der Gangschaltungen ist zahlreich zu hören. Die Kadenz der Tritte nimmt deutlich ab. Das ist spätestens dann der Fall, wenn es die Kurven vom Zentralschulhaus in Hofen bis nach Lohn hinaufgeht. Meine böse Vorahnung: Weitere zwei Mal komme ich den «Opfertshofer» nicht in diesem Tempo hinauf. Den besagten Aufstieg mussten die Fahrerinnen und Fahrer der Tour de Suisse Challenge gestern Morgen gleich dreimal bewältigen. Die Organisatoren wollten den Hobby-Rennradfahrern die Schönheit des Reiats wohl besonders deutlich vor Augen führen.

Vor dem Start beim Lipo-Park denken die wenigsten schon an diesen Aufstieg. Kurz nach dem Startschuss gilt die Konzentration nämlich voll und ganz dem Fahrverhalten. Wenn sich 519 Fahrräder auf derselben Strasse gemeinsam in Bewegung setzen, dann führt das zwangsläufig zu etwas Nervosität. «He, pass doch auf!» und «Der ist wohl noch nie in einem Feld gefahren!» sind Sätze, die man in den ersten 20 Minuten öfters hört. Das zeigt gut, dass in diesem Rennen sehr ambitionierte Radfahrer auf Feierabend-Gümmeler treffen. Man fährt zwar alles in allem rücksichtsvoll und betätigt auch einmal mehr als nötig die Bremsen. Sportlich wird einander aber nichts geschenkt. Es wird volles Rohr gefahren. Das ist zumindest das eigene Empfinden. Es fühlt sich umso mehr so an, wenn man sich für einen Moment nicht im Windschatten des Vordermanns befindet. Und dazu wird es im Laufe des Rennens noch einige Male kommen …

Zu Beginn aber klappt das Vorhaben gut, sich vorn im Fahrerfeld aufzuhalten. Das Ziel: etwas Karbonluft schnuppern und schauen, wer und was hier mitfährt. Darunter sind einige Schaffhauser, die man in der hiesigen Rennradszene kennt. Die Mehrheit sind aber Nicht-Schaffhauser. Allen gemein sind aber die Hightech-Räder. Ein Blick nach links: ein Rad der Marke Trek, die sonst nur Profis fahren. Knallrot – wie mein Kopf. Ich will nicht wissen, was meine Versicherung zahlen müsste, wenn ich dieses Rad beschädigen würde … Ich halte meinen Lenker etwas fester.

Jetzt, wo alle noch mit frischen Beinen munter mitpedalen, emp- fiehlt sich das. Viel Platz ist links und rechts nur selten, vor allem wenn eine Werbebande die Strasse einengt. Doch Sportler sind fair: Man warnt mit Handzeichen. Fährt man so dicht beisammen, bleibt Zeit, die Namen auf den Startnummern zu studieren. Einen aus diesem Feld treffe ich im Ziel wieder. David Schnider heisst er. «Es ist überraschend gut gelaufen», sagt Schnider. Im Ziel ist er als 73. «Das Coole an der Tour de Suisse Challenge ist, dass die Strecke komplett gesperrt ist», sagt er. Das ist vor allem in der Abfahrt wichtig. Im Aufstieg zum Sportplatz Wasen in Lohn wird das Feld dann auseinandergezogen – und ich kann den Anschluss nicht mehr halten. Die Abfahrt wird schnell. Sie beinhaltet technisch anspruchsvolle Kurven, sodass ich froh um den Heimvorteil bin. Mit Höchstgeschwindigkeit 83,5 rase ich in Richtung Ziel. Die Bise bläst an diesem Morgen zügig. Wer hier ohne Windschatten fährt, ist auf verlorenem Posten.

Motivationsprobleme im Wind

Diese bittere Erfahrung mache auch ich. Und auf einmal kreisen die Gedanken nicht mehr um die Räder der Konkurrenz. Jetzt machen sich Zweifel breit. Soll ich mir das wirklich noch ein drittes Mal antun? Der Kopf zweifelt, während der Körper ebenfalls zu rebellieren beginnt. Übelkeit und immer schwerer werdende Beine sind jetzt meine Gegner. Ach was, sagt das Sportlerherz. Ist es dieser Gedanke, der wieder etwas Kräfte freimacht? Bestimmt sind es auch die Anfeuerungsrufe, die immer wieder motivieren. Wiederholt entdeckt man ein bekanntes Gesicht unter den bereits zahlreichen Streckenbesuchern. Auf den letzten drei Kilometern sehe ich aber keine Zuschauer mehr. Jetzt habe ich einen Tunnelblick. Mit aller Kraft trete ich in die Pedale. Die Uhr stoppt nach 2 Stunden und 18 Minuten. Der Sieger wird sich zu diesem Zeitpunkt bereits beim Cool Down befinden. Fast 20 Minuten schneller waren die Schnellsten dieses Rennens: Es sind alles Männer, die sehr ambitioniert Radrennen fahren. Trotz durchzogener sportlicher Leistung teile ich die Meinung des ehemaligen FCS-Torhüters Alfio Chini. Er sagt: «Mega-cooles Erlebnis.» Auch wenn ich noch ergänzen würde: Ziemlich anstrengend war es auch.

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