Gabriel Vetter: Der getarnte Wahnsinn

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Schaffhauser N…

Gabriel Vetter hat ein neues «Hobby»: Er macht jetzt Stand-up-Comedy. Mit ­seinem Programm ist er zurzeit unterwegs. Wir haben ihn am Flughafen getroffen.

Der Comedian ist auch Pendler: Gabriel Vetter am Zürcher Flughafen, eingeflogen aus Oslo. Morgen tritt er im «Schwanen» in Stein am Rhein auf. Bild: Edith Fritschi

Herr Vetter, soeben gelandet auf dem Flughafen Zürich, haben Sie ein Bild von Roger Federer an die «Salzburger Stier»-Preisträgerin Hazel Brugger gesendet. Warum?

Ach, ein Running Gag. Immer wenn einer von uns in Zürich landet, schicken wir uns das Foto. Weil der Tennisstar einen so penetrant an­lächelt, wenn man ankommt in Zürich.

Sie leben in Norwegen mit Ihrer Familien und pendeln zwischen der Schweiz und Deutschland – oder wo immer Sie auftreten. Ist es anstrengend?

Ein wenig. Aber schlimmer ist die Flugangst. Ich könnte natürlich mit dem Zug fahren, aber das wäre sinnlos lang.

Die Angst vorm Fliegen ist Stoff für Ihr neues Programm, das erste, in dem Sie sich als Stand-up-Comedian präsentieren…

Klar, drum heisst das Programm auch «Hobby». All die Sachen, die mich extrem beschäftigen, fliessen da ein. Ängste, Ticks, Tabus und existenzielle Fragen; das ist hervorragendes Bühnenmaterial. Denn fast jeder Mensch hat ein bisschen Flugangst, weil das Fliegen eine Fortbewegungsart ist, bei der man nichts mehr selbst beeinflussen kann. Man sitzt zusammen mit anderen in dieser Kiste und muss alles einem hoch qualifizierten Piloten überlassen. Aber dem trauen 99 Prozent weniger als einem schlechten Autofahrer. Und im Zug meint man, man könne die Notbremse ziehen und aussteigen, wenn etwas ist. Im Flieger aber: nichts. Da ist man komplett ausgeliefert. Am schlimmsten wäre es, stelle ich mir vor, mit einem Piloten in der Luft zu sein, der ein Philosophiestudium hat und anfängt, die aviatische Technik zu hinterfragen. Horror pur.

Da sind wir fast schon mitten in Ihrem neuen Programm. Also stopp! Wieso sind Sie in den hohen Norden gezogen, wenn Sie so ungern reisen?

Weil es dort immer Nacht ist. Nein, im Ernst. Meine Freundin arbeitet derzeit an der Uni Oslo, da hat sich das so ergeben.

Wie ist das Leben dort?

Anfangs habe ich ein wenig gehadert mit der langen Dunkelheit, aber jetzt wird es Frühling. Überhaupt finde ich das Licht dort toll. So etwas gibt es hier gar nicht. Morgens kann man in der weit entfernten Bläue die Weite spüren, und dahinter ahnt man das Licht, die Sonne. Das ist in der Schweiz nicht so, da steht stets etwas dazwischen. Ein Baum, ein Haus, ein Berg.

Und die Sprache?

Kein Problem. Ich spreche auch Schwedisch, und so weit entfernt ist Norwegisch nicht. Über Kant kann ich nicht gerade diskutieren, aber ich verstehe viel und kann mich ausdrücken. Dabei wird man aber auch bequem. Deshalb möchte ich im Sommer einen Sprachkurs machen, damit die Grammatik stimmt. Übrigens gibt es hier zwei Sprachen: Das Norwegische und das Ny-Norsk. Letzteres ist eine Kunst­sprache, die man zu­sammengestückelt hat, um die verschiedenen lokalen Sprachen zu vereinen.

Ähnlich wie ­Rumantsch Grischun?

Genau. Und es hat auch dieselbe schwere Stellung.

Ihr zweieinhalbjähriger Sohn spricht schon ­Norwegisch.

Ja, und er rollt das R, wie das im Osloer Stadtdialekt der Fall ist. Das ist echt komisch, aber er ist ja in der Kinderkrippe und will natürlich so reden wie die anderen auch.

Sie sprechen Ostschweizer Dialekt mit ihm.

Klar, alles andere käme mir unnatürlich vor.

Ihr Sohn ist zu Hause der Chef. Und er ist auch fürs neue Bühnenprogramm ein wichtiger Impulsgeber…

Ja, aber «Hobby» ist keinesfalls ein Papi-Programm, auch wenn mein Sohn mein Lieblingsmensch ist. Das Elternsein stellt einen vor ganz neue Pro­bleme, die sich bestens für Komik eignen. Zum Beispiel, wenn man neben dem Grab der Mutter dem Kleinen einfach mal die Windeln wechseln muss – was schon eine Weile her ist. Solche Situationen kennt fast jeder, der ein Kind hat. Von aussen sieht es aus, als ob man einen Exorzistentanz veranstaltet. Einem selbst ist das Ganze peinlich, aber es ist Realität. Das Erhabene im Leben steht neben dem absurd lächerlichen Alltag.

Sie finden Ihren Sohn furchtbar ­komisch. Er habe einen Gang wie ­Stevie Wonder im Stechschritt, sagen Sie. Stiehlt er Ihnen die Schau?

Da ist so. Und er ist wirklich lustig. Wenn ich für ihn eine Banane schäle, bin ich der Grösste. Wenn ich aber heimkomme von einem Auftritt, wo mir x Leute zugehört und applaudiert haben, dann holt er einen auf den Boden der Tatsachen zurück. Will ich ihm eine Geschichte vorlesen, dann findet er, dass seine Mama das besser könne und mein Auftritt blöd sei. Er ist sozusagen das Methadon, um von der grossen Bühne runterzukommen.

Stichwort Bühne: Stand-up-Comedy ist für Sie ein neues Genre. Warum jetzt?

Es bietet neue Möglichkeiten. Für mich ist Stand-up-Comedy die ­Königsdisziplin der Bühnenformen. Im besten Fall ist es eine Mischung zwischen Stammtisch und Psychotherapie – in einem sinnlosen Gespräch.

Wie meinen Sie das?

Es muss halt ehrlich sein, was auf der Bühne passiert. Vor allem darf es nicht das bestätigen, was das Publikum hören will. Ich hasse affirmative Comedy. Ich spiele auch keine Rolle. Es ist eher so: Ich gehe von einer Situation aus, die alle kennen, und nehme die Leute auf absurden Wegen mit irren Gedankengängen auf eine Reise durch die Synapsen mit. Das soll quer in der Landschaft stehen und bestenfalls von existenziellen Fragen handeln.

Das ist wohl nie politisch korrekt?

Nein. Ich schaue seit Langem fast nur englische und amerikanische Stand-up-Comedians an. Da geht es deutlich härter ran als hier, aber auch absurder, seltsamer, unerwarteter. Der Humor ist derber und böser, das Narrativ oft gewagter. Und: Grosses Weltgeschehen prallt auf kleines, auf Privates.

Kennt man Sie in ­Norwegen?

Ja, klar, die Nachbarn in Oslo kennen mich schon.

Ich meine die Slam- und Comedy-Szene. Ist Gabriel Vetter dort wer?

Ich kenne ein paar Leute, aber nein, bekannt bin ich nicht. Doch die Menschen sind sehr offen, wenn man auf sie zugeht.

Wie ist die Slam- und Comedy-Szene in Norwegen?

Die Comedy-Szene ist sehr gut, sehr viel weiter als bei uns. Die Slam-Szene hinkt noch etwas hinterher. Film und vor allem TV-Produktionen sind auf einem fantastischen Level hier. So sind die norwegischen beziehungsweise überhaupt die nordischen TV-Serien unter dem Label «Nordic Noir» das Beste, was derzeit produziert wird.

Wie «Lilyhammer» oder «Borgen»?

Beides der absolute Hammer. Übrigens wohnen wir bald in der Wohnung des Cutters von «Lilyhammer». Eben, Oslo ist ein Dorf. In Norwegen wird in super Drehbücher investiert, und es gibt viel mehr TV-Stationen als hier. In der Schweiz kommt man an SRF nicht vorbei, wenn man etwas will.

Da fällt mir ein, dass es auch keine dritte «Güsel»-Staffel mehr gibt. Traurig?

Ach, das ist längst gegessen und so lange her schon! Es war vorerst auch keine geplant. Und ich habe noch meine zwei Sendungen beim Radio.

Könnten Sie sich ­vorstellen, etwas fürs norwegische TV zu ­machen?

Selbstverständlich. Da hätte ich schon ein paar Ideen. Auch sonst bin ich am Schreiben und Konzipieren, aber nichts ist spruchreif.

Wie lange bleiben Sie im Norden?

Ich habe noch ein Pied-à-terre in der Schweiz. Wie lang wir bleiben, hängt von der Stelle meiner Partnerin ab.

Was gefällt Ihnen dort besser als hier?

Die Entspanntheit im Alltag; zum Beispiel wenn ein Zug oder ein Bus ausfällt. Das hat beinahe etwas Italienisches. Und dass für alle die gleiche Versorgung und Kinderbetreuung garantiert ist. Je früher die Kinder mit anderen in der Krippe sind, desto eher lernen sie die Sprache. So funktioniert die Integration in diesem Immigrationsland gut.

Freuen Sie sich auf den Auftritt in Stein?

Klar. Ich komme immer gern in die Ostschweiz und nach Stein am Rhein. Ich werde Freunde treffen, spazieren und vielleicht, wie in Kantizeiten, bei Manor Fussball-T-Shirts anprobieren.

 

 

Mit seinem Stand-up-Comedy-Programm «Hobby» ist Gabriel Vetter morgen um 17 Uhr auf der Steiner Schwanen-Bühne zu Gast. Es geht um Babys in Tiefgaragen oder Störche auf Abtreibungskliniken. Virtuos zerpflückt er den als Alltag getarnten Wahnsinn.

Seine Jugendverbrachte Vetter (*1983) im Kanton Schaffhausen. Er ist mehrfacher Poetry-Slam-Meister und erhielt 2006 als jüngster Preisträger überhaupt den «Salzburger Stier»

In der Spielzeit 2012/2013 war Vetter Hausautor am Theater Basel. Er macht Satiresendungen im ­Radio und wurde vielfach ausgezeichnet. Derzeit lebt er in Oslo.

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