Geheimdienst auf der Spur der letzten Hexe

Geheimdienst auf der Spur der letzten Hexe

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Schaffhauser N…

«Schicken Sie mir einen Bericht. Ich will wissen, warum ein moderner Gerichtshof sich auf ein Hexerei-Gesetz von 1735 berufen konnte!» Das befahl Winston Churchill wutschnaubend, als er am 3. April 1944 davon erfuhr, dass eine Schottin zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde.

Symbolbild: Pixabay

Helena Duncan wurde 1897 im Städtchen Callander geboren. Schon als Siebenjährige habe sie Verstorbene in Räumen wahrnehmen und Unglücksfälle voraussehen können. In der Schule hatte sie regelmässig «Eingebungen». So seien ihr beispielsweise die Antworten in Geschichtsprüfungen wie von Zauberhand aus der Feder geflossen. Ihre Mutter warnte sie öfter mit den Worten: «Erzähl niemandem davon, sonst denken sie, du seist eine Hexe.»

Als Helena Duncan Mitte der 1920er- Jahre als Gattin eines kriegsversehrten Ehemanns und Mutter von sechs Kindern in finanzielle Nöte geriet, beschloss sie, ihre Gabe zu Geld zu machen. Sie reiste quer durch Grossbritannien und gab vor, mit Geistern von Verstorbenen Kontakt aufnehmen zu können. Während ihrer Séancen quoll aus ihrem Mund jeweils ein weisses Fluidum. Das sogenannte «Ektoplasma» nahm daraufhin die Gestalt eines Verstorbenen an und beantwortete Fragen. 1931 kam ihr jedoch der Parapsychologe und Geisterjäger Harry Price auf die Spur. Die «Geister » enttarnte Price als Tücher, Gummihandschuhe, hartgekochtes Eiweiss und Klopapier. Trotz dieser Enthüllung und einer Strafanzeige betrieb Duncan ihr Geschäft aber unbeirrt weiter.

Der Zweite Weltkrieg sorgte zusätzlich für Kundschaft: Dutzende von Menschen wandten sich an Duncan und hofften durch sie Kontakt zu Verstorbenen oder Vermissten aufnehmen zu können. 1941 erschien während einer Séance der Geist eines toten Matrosen der «HMS Barham», eines Schlachtschiffs, das von einem deutschen U-Boot versenkt worden war. Die Mutter des verstorbenen Seemanns wandte sich daraufhin an das Marineministerium, wo der Untergang des Schlachtschiffs zwar bekannt, aber geheim gehalten wurde. Von diesem Zeitpunkt an stand Duncan unter Beobachtung des MI5. Als dem Geheimdienst zu Ohren gekommen war, dass Duncan 1944 auch den Untergang der «HMS Hood» ausgeplaudert hatte, wurde sie festgenommen.

Gestützt auf das Anti-Hexen-Gesetz von 1735 wurde Helena Duncan schliesslich rechtskräftig zu einer Haftstrafe verurteilt. Der Schottin haftet bis heute die Fama der «letzten Hexe Europas» an. Petitionen ihrer Anhänger, die sie rehabilitieren wollten, wurden vom schottischen Parlament sowohl 2001, als auch 2008 und 2012 abgelehnt. Doch immerhin: Winston Churchill setzte sich 1951 persönlich dafür ein, dass das Hexen- Gesetz in Grossbritannien endlich abgeschafft wurde.

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