Schaffhauser bringt Nil-Gott in die Schweiz

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Autor
Alfred Wüger

Drei tonnenschwere Skulpturen und knapp 300 ägyptische Kunstwerke mussten für die Ausstellung «Osiris», die ab 10. Februar im Museum Rietberg zu sehen sein wird, von London nach Zürich transportiert werden. Verantwortlich für die Logistik war der Schaffhauser Jürgen Busch.

Als im Jahre 2000 der französische Unterwasserarchäologe Franck Goddio 6,5 Kilometer vor der ägyptischen Küste die untergegangene Stadt Thonis/Herakleion entdeckte, war das eine Sensation. Ab 10. Februar werden nun fast 300 Fundstücke von dieser Aus­grabungsstätte im Zürcher Rietberg- Museum gezeigt, darunter drei tonnenschwere Skulpturen. Eine davon ist Hapi, die Personifikation der Nilflut. Die Skulptur besteht aus röt­lichem Granit, lag ungefähr 2000 Jahre im Sand des Meeresbodens und ist in mehrere Teile zerbrochen.

Noch liegt Hapi, von einem Restauratorenteam zusammengesetzt, auf einem Niederflurwagen in einem ­beheizbaren Zelt und ist umwickelt mit schützenden Matten. «Eine Bedingung, die wir erfüllen mussten, um den Transportauftrag zu bekommen, war die Garantie, dass die Teile nicht bei Minustemperaturen zusammengesetzt werden», sagt der Schaffhauser Jürgen Busch, der für die Logistik des Transports durch eine Zürcher Spezialfirma verantwortlich ist.

Es ist das erste Mal, dass Hapi nicht im Innern eines Museums, sondern im Aussenbereich ausgestellt wird – umhüllt von einer beheizbaren gläsernen Vitrine. «Es besteht die Sorge, dass im Gestein Wasser eingeschlossen ist, und wenn dieses gefrieren würde, könnte es den Stein sprengen», sagt Busch.

Eine spektakuläre Luftreise

Das Zelt, in dem Hapi nun liegt, ist leicht beheizt, dennoch ist es ein bitterkalter Morgen. Draussen werden die Kräne in Stellung gebracht. Es geht nun darum, dass die rund sechs Meter hohe und vier Tonnen schwere Statue ins Freie gefahren wird. Dann wird sie senkrecht aufgestellt und daraufhin in einer kurzen, aber spektakulären Luftreise über das Café in der Villa Wesendonck hinweg zum Standort vor dem Eingang zum Museum gebracht.

Jürgen Busch ist die Ruhe selbst. «Meine Aufgabe besteht im Augenblick darin, zwischen dem Team der Res­tauratoren, die französisch sprechen, und unseren Transportfachleuten, die deutsch sprechen, zu vermitteln.» Dies geschieht auf Englisch.

Jetzt wird es spannend. Hapi ist vor das Zelt gerollt worden. Die Drahtseile hängen nicht mehr schlaff zwischen den Haken, und tatsächlich richtet Hapi sich auf und erhebt sich alsbald in die Luft, um präzis dort auf die Füsse gestellt zu werden, wo bis 16. Juli sein Platz sein wird. Natürlich geht alles reibungslos. Alles andere wäre ja eine Katastrophe. Der Versicherungswert der knapp 300 Exponate beläuft sich auf 100 Millionen Franken.

London–Zürich in zwei Tagen

Zu sehen war die Ausstellung «Osiris – Das versunkene Geheimnis» zuvor in Paris und dann im Britischen Museum in London. «Im Dezember wurden die Kisten beladen und kamen dann am 13. und 14. Januar in einem Konvoi von zehn Fahrzeugen via Paris hierher.» Drei ägyptische Kuriere haben den Transport begleitet. Dass im Konvoi gefahren wurde, war eine Auflage, die die Versicherung gemacht hatte.

Jürgen Busch ist ein erfahrener ­Logistiker. Bereits vor rund zehn Jahren hat er einen spektakulären Transport abgewickelt. Damals wurde das «Höllentor» von Auguste Rodin, das vor dem Kunsthaus Zürich steht, für eine Ausstellung nach London transportiert. «Damals wie jetzt habe ich in London mit denselben Leuten zu­sammengearbeitet», sagt Busch. «Bei Transporten dieser Grössenordnung ist das Vertrauen wichtig, und das Vertrauen ist da, wenn ein verlässliches Netzwerk vorhanden ist.»

300 000 Franken Transportkosten

Bevor der Transport über die Bühne gehen konnte, musste anhand einer Objektliste die Offerte erstellt werden. «Das ist jedes Mal eine grosse Herausforderung», sagt Busch. «Denn es muss sechs Wochen vor dem Transport genau festgelegt werden, auf welche Wagen welche Gegenstände ge­laden werden.» Dies sei notwendig, ­damit die Ausfuhrbewilligungen beantragt werden können, und es könne danach an der Ladeordnung nichts mehr kurzfristig geändert werden. «Aber es hat alles geklappt», so Busch, «und wir konnten auch das Budget einhalten.» Der Transport habe rund 300 000 Franken gekostet. Den Betrag hat das ­Museum Rietberg zu übernehmen.

Inzwischen ist Hapi an seinem Platz beim Eingangsbereich des Museums angekommen und wird von den schützenden Binden befreit. Auch die Rahmen der Vitrine, die danach über die kostbare Skulptur gestülpt wird, werden abgeladen. Das Glas für die Vitrine werde am Tag darauf von einer Spezialfirma geliefert. «Das ist dann auch noch einmal eine Herausforderung», sagt Busch, «damit beim Einbau des Glases nichts zu Bruch geht.»

Zweieinhalb Stunden hat es gedauert, bis Hapi aufgestellt war. Beeindruckend waren die Ruhe und die Gelassenheit, mit der die Arbeiten vor sich gingen. Keine Hektik, kein lautes Wort, dafür Genugtuung über den reibungslosen Ablauf bei allen Beteiligten.

Osiris: Ausstellung im Zürcher Rietberg-Museum

Vom 10. Februarbis 16. Juli ist im Rietberg-Museum in Zürich die Ausstellung «Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens» zu sehen.

Hapiist die bislang grösste Statue einer altägyptischen Gottheit. Sie verkörpert die Nilflut und stand im 4. Jahrhundert v. Chr. am Hafen einer Stadt, die auf Ägyptisch Thonis hiess und auf Griechisch Herakleion.

Die Stadtwar Ägyptens wichtigster Seehafen. Hier mischten sich ägyptische und griechische Kultur. Die Tempelanlagen waren dem Toten- und Auferstehungsgott Osiris geweiht. Aber die Stadt war buchstäblich auf Sand gebaut. Mit der Zeit sank der Boden ab, und Erdbeben und Flutkatastrophen führten zum Untergang.

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