22.03.2010
Makellosigkeit ist eigentlich langweilig
In Zürich modelten gestern Jugendliche mit Down-syndrom. Eine herkömmliche Modeschau war das nun allerdings nicht.
von Anna Rosenwasser
Zürich Schon um neun Uhr morgens nahmen Vera Pongracz und ihre Mutter den Zug von Schaffhausen nach Zürich. Schliesslich muss so eine Modeschau ausreichend vorbereitet werden. Sich schön anzuziehen, sagt die 19-Jährige, gehöre zu ihrem Alltag dazu, ebenso wie Einkaufstouren. Am liebsten kaufe sie allerdings CDs und DVDs, erzählt Vera. Es braucht etwas Konzentration, um sie zu verstehen. Wie die 29 anderen Models, die heute im Szeneklub Kaufleuten über den Laufsteg gehen, hat Vera ein Downsyndrom. Erst wollte sie sich aber gar nicht anmelden für den Anlass. Weil, so die Schaffhauserin, sie nicht typisch sei. «Ich bin anders», sagt Vera etwas leise, und ihre Mutter entgegnet lächelnd: «Es sind doch alle anders.» Dann muss Vera los, der Hairstylist wartet.
Nicht ohne Grund ist der 21. März der World Down Syndrome Day. Das Datum bezieht sich auf das Chromosom 21, das bei Menschen mit Downsyndrom dreifach statt zweifach vorhanden ist. In Zürich veranstalteten drei Partnerorganisationen nun erstmals die Modeschau, die ursprünglich bloss ein kleines Fest hätte sein sollen. Die Resonanz und das Interesse aber liessen den Anlass grösser werden als geplant. Nicht zuletzt deshalb erklärte sich das geräumige «Kaufleuten» bereit, seine Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. In den Backstage-Gängen ebenjenen Edelklubs geht es nun hastig zu und her. 30 junge Menschen mit Trisomie 21 lassen sich schminken, frisieren und einkleiden. Monströse Schminkkoffer reihen sich an geschäftige Make-up-Künstler und –Künstlerinnen. Erklärtes Ziel des Anlasses ist die Förderung der gesellschaftlichen Integration von Menschen mit Downsyndrom. Fühlen die sich akzeptierter, wenn sie modeln können? Das «Kaufleuten» füllt sich mehr und mehr, die Show ist ausverkauft. Den Laufsteg säumen Sitzplätze wie in herkömmlichen Modeschauen, im Hintergrund läuft eine Endlos-Bilderpräsentation von porträtierten Menschen mit Downsyndrom. Tim Wielandt betritt die Bühne und ist hübsch – moderieren aber kann er nicht. Nach langen Minuten kündet er die ersten zwei «bezaubernden Ladys» an, mit denen die eigentliche Show beginnt. Diese laufen mit in die Luft gereckten Armen vor das Publikum, welches sofort tobt. Die Jugendlichen und Kinder präsentieren in kleinen Grüppchen Frühjahrsmode, sehen darin oft schön und gelegentlich etwas verkleidet aus. Spass aber haben sie alle: Die Models rennen, hüpfen, tanzen über den Laufsteg, wie es in Mailand oder Paris nie ginge. In herkömmlichen Fashion Shows sitzt das Publikum ruhig da – hier applaudieren alle pausenlos. Improvisation gehört dazu: Eine junge Frau will gar nicht mehr von der Bühne runter, bis Leiterin Karina Berger höchstpersönlich sie nach hinten geleitet. Plötzlich sind da auch andere Prominente. Melanie Winiger und Christa Rigozzi mischen mit, aber Makellosigkeit wirkt plötzlich ganz langweilig. Die jungen Menschen mit Downsyndrom gehören laut Moderation zwar «in die Welt der Stars und Sternchen», kommen mit ihrer eigenen Art aber viel besser an. Das Schweizer Sternchen Marco Fritsche nimmt eines der Models huckepack, ein anderes verteilt selbstbewusst Kusshändchen mit Ariella Käslin. Auch Vera hat ihren grossen Auftritt: In farbenfrohen Kleidern und mit schicker Frisur wandelt sie über die Bühne und macht einen sehr konzentrierten Eindruck. Vor dem Auftritt sei sie schon etwas nervös gewesen. Auch anstrengend sei das Schaulaufen. Ob es ihr bei der gesellschaftlichen Integration hilft, ist fraglich – aber Freude bereitet hat der Anlass bestimmt!
«Auch junge Menschen mit Downsyndrom gehören in die Welt der Stars und Sternchen»
Tim Wielandt Moderator
Wieder die Freude am Kleinen gelernt
Seit 17 Jahren leitet Karina Berger die Schweizer Miss-Wahlen. Zum ersten Mal nun war sie auch für den World Down Syndrome Day tätig – hinter und unfreiwilligerweise auch auf der Bühne.
Schon seit 1993 arbeiten Sie jährlich mit Missen zusammen. Wo liegen die Unterschiede in der Zusammenarbeit für diese Fashion Show?
Karina Berger: Es brauchte vor allem eines: mehr Zeit! Hier ging nie alles einfach schnell, man konnte nicht auf feste Abläufe pochen. Feingefühl und Kommunikation waren gefragt.
Hatten Sie also Schwierigkeiten bei den Vorbereitungen für diese Modeschau?
Berger: Nein! Vor allem die Vorbereitungen heute Morgen liefen wie am Schnürchen. Dabei waren die Angehörigen der Models eine grosse Hilfe. Und Menschen mit Downsyndrom legen eine Freude an den Tag, wie man es gar nicht gewohnt ist. Diese Freude am Kleinen, die habe ich in den vergangenen Tagen wiedererlernt.
Werden Sie den Anlass im kommenden Jahr wieder leiten?
Berger: In dieser Annahme habe ich dieses Amt übernommen, ja. Ich wäre gerne wieder dabei.
Interview Anna Rosenwasser

