07.11.2009
Parteiaustritt als Zeichen gegen wachsende Intoleranz
Nachgefragt Jakob Walter, Einwohnerrat Neuhausen und parteiloser Präsident der SP-Fraktion
Jakob Walter ist aus der SP ausgetreten. Dies ist am Donnerstag bekanntgeworden, den Austritt hatte er aber bereits letztes Jahr angekündigt, falls die SP sich für ein absolutes Rauchverbot einsetzen würde.
Herr Walter, der Grund für Ihren Parteiaustritt ist das Engagement der SP für ein flächendeckendes Rauchverbot?
Jakob Walter: Der konkrete Auslöser ist meine Haltung gegen sogenannte «Heilige Kriege».
Was heisst das?
Walter: Wenn man sich dafür einsetzt, dass Nichtraucher Räume bekommen, wo sie nicht vom Rauch gestört werden, würde ich das jederzeit unterschreiben. Aber dass wegen denen, die sich am Rauch stören, alle, die gerne mal eins rauchen, auf die Strasse verbannt werden, ist intolerant.
Die Forderung der SP ist also gegenüber Rauchern intolerant?
Walter: Ja. Man kann das damit vergleichen, dass ich mich zum Beispiel in einer Welt ohne Hunde auch wohler fühlen würde. Aber ich würde nie eine Initiative unterschreiben, die Hunde vom öffentlichen Grund verbannt. Denn ich weiss, dass es Leute gibt, die Freude an ihrem «Wauel» haben. Das ist für mich Toleranz; und ich bin ziemlich intolerant gegenüber Intoleranz.
Was halten Sie von den geplanten Fumoirs? Da hat die SP ja nichts dagegen.
Walter: Damit kann ich leben. Ich habe in Spanien eine sehr gangbare Lösung gesehen. An einem Restaurant findet man am Eingang einen Kleber, der anzeigt, ob man rauchen darf oder nicht. So hat der Gast die Wahl. Der Rest wird vom Markt geregelt. In einem Artikel der SP-Parteizeitung wurde allerdings ein absolutes Rauchverbot gefordert, da habe ich mir gedacht: Jetzt ist Schluss! Das war aber bereits im Juli.
In welchem Zusammenhang steht Ihre Ablehnung des absoluten Rauchverbots mit Ihrem Rücktritt aus dem Erziehungsrat?
Walter: Ich bin vom Kantonsrat auf Amtsdauer gewählt. Mit meinem Parteiaustritt habe ich der Parteileitung angeboten, mich vor Ablauf der Amtszeit zu ersetzen. Auf das Angebot wurde eingegangen.
Sie bleiben aber Präsident der SP-Fraktion im Einwohnerrat?
Walter: Bis auf weiteres, ja. Im Neuhauser Parlament gibt es offiziell gar keine Fraktionen. In meiner Position ist man Anlaufstelle und Organisator. Ich habe das Thema für die erste Fraktionssitzung nach meinem Rücktritt traktandiert, aber es hat sich niemand um den Posten gerissen. Als loyaler Mitarbeiter möchte ich weitermachen, eben parteilos. Damit bin ich nicht der erste.
Sie vertreten auch als Parteiloser das Gedankengut der SP?
Walter: Ich bin seit jeher, bevor ich überhaupt einer Partei beigetreten bin, grün und auch rot. Als ich nach Neuhausen kam, gab es keine grüne Bewegung. Die SP war mir am nächsten. Ich bin längstens nicht mit jedem Sachentscheid einverstanden, aber damit kann ich leben. Am Rauchverbot stört mich jedoch die Intoleranz. Wir gehen allgemein in Richtung einer intoleranten Gesellschaft. Man kann sich fragen, wer nach den Rauchern das nächste Feindbild sein wird, etwa die Übergewichtigen oder die Hundefreunde. Ich will nicht mithelfen, eine intolerante Gesellschaft zu bilden.
Wie viel rauchen Sie am Tag?
Walter: Im Durchschnitt drei, vier Pfeifen und vielleicht fünf Zigaretten. Natürlich gibt es Gelegenheiten, wo es auch einmal ein Päckli Zigaretten ist. Ich bin aber eigentlich Pfeifenraucher, Zigaretten sind nur eine Ersatzdroge.
Man ist versucht zu sagen, dass Ihr Parteiaustritt auch egoistisch motiviert ist.
Walter: Ich will nicht bestreiten, dass auch egoistische Motive mitgespielt haben. Aber irgendwann wäre die Schmerzgrenze punkto Intoleranz erreicht gewesen.
Interview: Nina Belz
Nachgefragt

