14.05.2009
Der Weg des grössten Widerstandes
Männer aller Altersgruppen sind es, die Mehrheit in der ersten Lebenshälfte. Die meisten tragen Jeans und T-Shirt, wenige einen Anzug. Einige tragen Halbschuhe, einige Turnschuhe, wenige Sandalen. Einige tragen Rucksäcke, manche Mappen, wenige Laptops. Die meisten sind glattrasiert, einige unrasiert, wenige bärtig. Die Gruppe, die sich jeden Montagabend in einem Zürcher Schulhaus zu einer Chorprobe trifft, dürfte im Erscheinungsbild ungefähr die urbane Bevölkerung repräsentieren.
Die Männer legen ihre Sachen ab, stellen die Stühle zurecht und machen ihre Noten bereit. Noch während sie sich gegenseitig begrüssen und austauschen, setzt sich der Chorleiter an den Flügel, ruft zum Einsingen auf und beginnt auch sofort damit. Karl Scheuber mag es pünktlich. Stehend singen die Männer ein paar Dreiklänge hinauf und hinunter. Dann geht es los mit dem zu probenden Werk. Mit zusammengedrückten Daumen und Zeigefingern dirigierend, mahnt Scheuber zu präzisen Einsätzen. Und präzise kommen diese auch wirklich. Der Chor hat nicht nur geübt, sondern er kann auch etwas. Das bescheinigen ihm Publikum und Kritik einhellig. Der Gesang der rund vierzig Männer hebt nicht nur präzise und geschlossen an, er bildet auch einen homogenen und ausgeglichenen Klangkörper und schöpft seine dynamischen Möglichkeiten aus.
Schwieriges kleines Wörtchen
Der Chor, der gerade seine letzte reguläre Probe vor seinem Auftritt am Bachfest Schaffhausen bestreitet, heisst «Schmaz – Schwuler Männerchor Zürich». Auf diesen Namen, und zwar in seiner gesamten Länge, also ohne Auslassung des einen oder anderen Worts, legt der Chor grossen Wert. Dies mussten in der Vergangenheit – und Gegenwart – einige Konzertveranstalter zur Kenntnis nehmen. Ein geplantes Engagement wurde dem «Schmaz» etwa vom Kloster Einsiedeln wieder abgesagt, weil er sich weigerte, auf die Nennung seines Namens im Konzertprogramm zu verzichten. Auch am eidgenössischen Gesangsfest in Luzern durfte er sich nicht unter seinem vollen Namen ankündigen. Der Chor erlaubte sich zur Kompensation das Spässchen, mit bedruckten T-Shirts aufzutreten, auf denen stand: «Schmaz – Schwuler Männerchor Zürich». Einsiedeln und Luzern, das war in den frühen neunziger Jahren. Damals war der «Schmaz» gerade neu gegründet worden und die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität erst im Begriff, sich zu etablieren. Seither hat es lange keine solchen Zwischenfälle mehr gegeben. Bis heuer, am Bachfest Schaffhausen. Die Programmkommission hatte ihre Arbeit längst gemacht und sich für die Judas-Passion von Daniel Fueter entschieden, die von Gesangssolisten, einem Ad-hoc-Instrumentenensemble und dem «Schmaz» interpretiert werden sollte. Dies tat sie im Wissen um den vollen Namen des Chors. Als musikalische Expertenkommission kennt sie die Qualitäten des Chors, die diesen für einen Auftritt am renommierten Bachfest qualifizieren. Doch als danach das Vorprogramm des Bachfests geschrieben wurde, passierte ein kleiner Lapsus: Fälschlicherweise war «Schmaz Männerchor Zürich» zu lesen. Als dies Karl Scheuber zu Ohren kam, informierte er das Konzertmanagement des Bachfests darüber, dass im gedruckten Programmheft der volle Name des Chors zu verwenden sei. Offenbar tat sich die Festleitung schwer mit der Korrektur des Chornamens, denn in der Folge wurde der Komponist Fueter kontaktiert und darum gebeten, den «Schmaz» in der Aufführung kurzerhand durch einen anderen Chor zu ersetzen. Als Begründung wurde angegeben, dass dem Namen «Schmaz – Schwuler Männerchor Zürich» gegenüber gewisse Vorbehalte bestünden. Karl Scheuber hat milde und abgeklärte Worte übrig für diesen Vorfall. Dieses kleine Wörtchen, diese paar Buchstaben, scheine gewissen Leuten offenbar immer noch Schwierigkeiten zu bereiten, konstatiert er. Der Dirigent und sein Chor verfolgen keinerlei militanten Absichten. Als sie den «Schmaz» gründeten, hatte «schwul» zwar noch eher den Status eines Kampfbegriffs, das heisst, er wurde gerade von den Schwulen bewusst und betont in den Mund genommen. Die Gründung des «Schmaz» ist in diesem Sinn ein politisches Statement, und dieses lebt mit ihm und seinem Namen fort. Der Chor engagiert sich beispielsweise in der AIDS-Prävention, aber insgesamt macht er mit seinen Aufführungen eine vollkommen unaufgeregte Propaganda für die Akzeptanz des Schwulseins.
«Schmaz» in einer Doppelrolle
Im Vergleich zu den meisten schwulen oder lesbischen Chören, von denen es in Europa viele gibt und die sich regelmässig zu einem internationalen Festival treffen, ist der «Schmaz» eine brave Gruppe. Er gibt sich vergleichsweise wenig «tuntig», setzt weniger auf Spektakel als vielmehr auf musikalische Qualitäten. «Schwulsein allein ist nicht abendfüllend», ist Scheuber überzeugt. In den eigenen Programmen, die der «Schmaz» alle paar Jahre einstudiert, gibt es szenische Aufführungen, in denen das Schwulsein in der einen oder anderen Weise thematisch wird, aber dann mit viel Selbstironie und Augenzwinkern. Die Programme sprechen indessen viele Themen an, die universaler Natur sind, wie Liebe, Hass oder Verlust, und die Schwule genauso erleben wie andere Menschen auch. Schliesslich theäterlen Schwule eben schon ein wenig lieber als Heteros, gibt Scheuber zu. Neben diesen Eigenproduktionen ist der «Schmaz» ein Männerchor wie jeder andere auch, der an Festivals mitwirkt und mit Solisten und Instrumentalisten oder anderen Chören zusammenarbeitet. Wo Schwul draufsteht ist allerdings immer auch Schwul drin – ein Fall von positiver Diskriminierung. Wie Scheuber erklärt, ist der «Schmaz»-Beitritt am ehesten für den einzelnen ein Bekenntnis. Wer herumerzählt, er singe im Schwulen Männerchor Zürich, räumt damit effizient Zweifel über seine sexuelle Orientierung aus – eine elegante Strategie für ein Coming-out. In einem schwulen Chor geht es indessen nicht viel anders zu und her als in irgendeinem Männerchor oder in irgendeinem sonstigen Männerverein. Auch die «Schmaz»-Mitglieder gehen nach der Probe ein Bier trinken. Und dass es die Männer ohne die Frauen lustiger haben, ist nicht etwa ein Phänomen, das auf die Schwulen reduzierbar wäre. Im Grunde ist der «Schmaz» als ungemischter Chor mittlerweile ein rares Exemplar einer Tradition, die im frühen 19. Jahrhundert aufgekommen ist und lange viel grössere Bedeutung hatte als heute. Der «Schmaz» hat also eine gewisse Doppelrolle. Einerseits ist er ein Chor, der wegen seines hohen Niveaus beliebt und anerkannt ist. Andererseits ist und bleibt er eben der Schwulenchor. Diese Doppelrolle ist in Zürich schon längst kein Problem mehr. Der «Schmaz» ist eine anerkannte Grösse in der Stadtzürcher Klassikszene, und sein Ruf reicht weit über die Region hinaus. Als einen Meilenstein dieser allgemeinen Akzeptanz bezeichnet Scheuber ein Konzert mit dem Männerchor Zürich, einer altehrwürdig-heterosexuellen Bastion aus freisinnigen Blütezeiten. Dass das Publikum den «Schmaz» akzeptiert und ins Herz geschlossen hat, zeigte es ihm, als er sich zum erstenmal während eines Konzerts auf der Tonhalle-Bühne aufstellte. Damals gab es einen spontanen, tosenden Applaus, der offenbar sagen sollte: Schön, dass ihr es geschafft habt.
Aussenseiter, zum Beispiel Schwule
Das Bachfest Schaffhausen zeigt dagegen, dass das Thema der Akzeptanz der Schwulen noch immer einige Aktualität hat. Passenderweise befasst sich das Werk, das aufgeführt wird, selbst mit der Thematik von Akzeptanz und Ausgrenzung. Die Judas-Passion ist die Vertonung eines Textes des Pädagogen und Schriftstellers Jürg Jegge. Der Text erzählt bekannte Elemente aus den Evangelien, die aber aus der Perspektive des Jüngers Judas dargestellt sind. Judas kann neben Jesus nicht bestehen, er hat keine Chance gegen ihn. Judas ist sozusagen der Prototyp des Verlierers und Aussenseiters, der selber eine Leidensgeschichte durchlebt. Der Zürcher Komponist Daniel Fueter verstärkt in seiner Vertonung die Thematik des Aussen-stehens auch auf der Ebene der Instrumentierung. So haben sämtliche Instrumente im Ensemble in gewisser Weise eine Aussenseiterstellung. Einerseits kommen die allerhöchsten und allertiefsten Instrumente, also Piccolo, Kontrabass und Tuba, zur Verwendung, andererseits «Exoten» wie das volkstümliche Hackbrett oder die karibische Steeldrum. Mit der Besetzung des Chors mit dem «Schmaz» verleiht Fueter nun auch der ausgegrenzten Gruppe der Schwulen in seinem Werk eine Stimme. Aus diesen Überlegungen heraus hat Fueter die Judas-Passion gezielt für den «Schmaz» geschrieben. Damit macht er klar, dass sie zumindest auch als Parabel auf die Aussenseiterrolle der Schwulen gemeint ist. Aus diesem Grund hat der Komponist bereits Angebote ausgeschlagen, eine Adaption seines Werks für gemischten Chor zu komponieren. Ganz konsequenterweise hat er sich gegenüber der Konzertleitung des Bachfests auch geweigert, einen anderen Männerchor fürs Bachfest zu engagieren. Damit signalisiert der Künstler: Die Judas-Passion ist eben auch die Passion der Schwulen. Noch immer will man nichts wissen von ihnen, will man ihnen ihren Namen nehmen, der doch schlicht festhält, was sie sind.

