31.01.2009

Island hofft auf Sigurdardóttir

Die neue Ministerpräsidentin gilt als isländische Version von Barack Obama.

von andrE anwar

stockholm Johanna Sigurdardóttir, die erste Frau auf dem Sessel des Regierungschefs in Island, soll das Land bis zu den Neuwahlen im Mai und bei einem Wahlerfolg auch darüber hinaus aus der grossen Wirtschafts- und Vertrauenskrise führen. Gleichberechtigung der Geschlechter, gerade auch im Arbeitsleben, ist kaum irgendwo anders auf der Welt so präsent, wie auf der nordischen Atlantikinsel. Vor drei Jahrzehnten wählten die Isländer das erste weibliche Staatsoberhaupt weltweit.

Nun wird mit Sigurdardóttir erstmals weltweit eine bekennend homosexuelle Frau zur Regierungschefin. «Das hat einen enormen Symbolwert. Sie kann ein Vorbild für alle Männer und Frauen werden, die es schwer haben, offen über ihre Homosexualität zu reden sein», kommentierte etwa HC Seidelin vom isländischen Homosexuellenverband. Die künftige Regierungschefin, die sich auch schon als Stewardess ihre Brötchen verdiente, ist mit der populären isländischen Schriftstellerin Jonina Lesdottir verheiratet. Aus einer früheren Beziehung hat sie zwei erwachsene Söhne. Politisch erwartet das Volk von der bisherigen Familienministerin Sigurdardóttir die Bewältigung der Krise nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft im Herbst. Island wurde seit seiner Selbständigkeit 1944 hauptsächlich von der konservativen Unabhängigkeitspartei des abtretenden Premiers Geir Haarde geprägt. Durch Demonstrationen gegen seine Politik wurde sein Rücktritt erzwungen. Nun sollen die Sozialdemokraten auf Anweisung von Staatspräsident Ólafur Ragnar Grimsson mit dem zunehmend populären rot-grünen Bündnis die Übergangsregierung bilden. Zum einen gilt Sigurdardóttir im Gegensatz zu ihren Vorgängern als glühende Befürworterin eines EU-Beitritts. Sie will so schnell wie möglich den Anschluss an Brüssel erreichen und den Euro einführen, um Island auch international wieder vertrauenswürdig zu machen. Bei den Neuwahlen will sie deshalb auch gleich eine Volksabstimmung über die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen abhalten. Auch wenn ihr linksalternativer Koalitionspartner traditionell gegen den EU Beitritt war, deutete deren Parteivorstand im Zuge der ernsten Landeskrise in dieser Frage Kompromissbereitschaft an. Brüssel hat laut der britischen Zeitung «Guardian» am Freitag Island trotz der Finanzkrise eine EU-Eilmitgliedschaft schon für 2011, zusammen mit Kroatien, in Aussicht gestellt. Während ihr Vorgänger Haarde bei den Demonstrationen vor dem Parlament mit Buhrufen konfrontiert wurde, stimmten die Protestler stets Jubelrufe an, wenn Sigurdardóttir das Gebäude betrat oder verliess. Neben ihren Erfahrungen in der Regierungsarbeit liegt genau hier ihre Stärke. Während sich ein Grossteil der Isländer von Konservativen und Banken verraten fühlen, vertrauen sie Jóhanna Sigurdardóttir. Sie wird deshalb auch für bitter notwendige, aber unpopuläre Sparbeschlüsse genügend Rückendeckung haben.

 

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